Warum das mit Vereinbarkeit nicht funktioniert – neue Studie zu unseren kranken Wirtschaftseliten


Im Tagesanzeiger gibt es in der ersten 2017er Woche eine neue Studie zu entdecken, wie Topmanager abschalten. An erster Stelle kommen Sport und Ernährung, abgeschlagen sind Ferien und Familie. Zeit mit der Frau zu verbringen ist gar an letzter Stelle.

Die Umfrage ist nicht repräsentativ und auch die Fragestellung ist fragwürdig (bias). Nicht desto trotz – das Ergebnis ist erstaunlich, überrascht mich aber nicht.

Es kommen einige Manager zu Wort. So plant der Triathlet Gisel (Raiffeisen) Trainingssessions zwischen Meetings und Ackermann (Bank Coop) geht unter der Woche manchmal um 19 Uhr nachhause um zu kochen (4 Kinder, jüngstes 6). Der Rest ist wohl 6 Tage die Woche 14 std an Meetings, Reisen und Geschäftsessen.

Hier einige Beobachtungen und Kommentare:

A) Firmenkultur killt Vereinbarkeit

Dieser Leistungsethos der Topmanager ist es, was die Firmenkultur prägt. Denn die zweite Managementstufe muss gleiches leisten um es vielleicht auch einmal nach oben zu schaffen. Die Stufe darunter (n-2, üblicherweise Managing Directors) ebenso. Das heisst dass die gesamte Spitze in einem Unternehmen 60+ Stunden arbeitet und sich über Leistung (auch sportlich und ausserberuflich) definiert. Firmen können noch so lange von Vereinbarkeit sprechen – Fakt ist, dass es in diesen Unternehmen keine Vorbilder gibt, die sich aktiv um die Familie kümmern. Konkret zB einen Nachmittag mit den Kindern verbringen, die Kids um 5 von der Krippe abholen oder mit Ihnen am Nachmittag die Hausaufgaben (zB im Büro) zu machen anstatt auf das Laufband zu gehen. Natürlich arbeitet auch niemand Teilzeit.

B) Normal ist das nicht

Herr Ackermann kommt im Artikel ja gut weg – es scheint er kümmere sich um die Familie. Doch mein 8 jähriger Sohn braucht um 20 Uhr kein Abendessen mehr. …viel mehr wird es ein Gutenachtkuss. Ferien kommt bei den Managern ganz am Schluss und Herr Ackermann macht tatsächlich mit seiner Frau 1 Woche Urlaub! Normal ist das nicht und eigentlich das dümmste was ich seit langem gelesen habe.  ….Schlaf und Ferien sind die wichtigsten Bestandteile für die Regeneration und schlussendlich auch zum abschalten. Dass die Manager keine Zeit mit Familie und Frauen verbringen wollen ist einleuchtend – zuhause ist es laut, unplanbar, unvorhersehbar UND – man ist vor allem mit emotionaler Anwesenheit gefordert. Da verbringt auch Herr Ackermann lieber 70 Stunden die Woche beim arbeiten. (d.h. de facto ist auch bei Herrn Ackermann die Family Time am Samstag Abend und Sonntag)

C) Die grosse Lüge

Erstaunlich ist, dass alle nach oben wollen. Auch die Generation Y.
Klar verdient man da hunderttausende von Franken im Jahr und hat viele Leistungen und gesellschaftliche Anerkennung. Doch da oben ist es ungemütlich, kalt und hat zum Preis, dass man nicht bei der Familie ist. Ich habe es selber erlebt (nicht ganz auf diesem Niveau) – es wäre inhaltlich schon möglich, viel weniger zu arbeiten und näher bei der Familie zu sein. Aber das System, die Kultur und die Peers auf gleichem Niveau verunmöglichen das. / Ich habe in meiner Karriere noch nie jemanden getroffen, der freiwillig bereit gewesen wäre auf das zu verzichten oder es zu riskieren. De facto sind unsere Topmanager Sicherheitsmanager und bewegen in Ihrem Wirken äusserst wenig. Viele wissen das – dass sie nur ein kleines auswechelbares Rädchen in einer riesigen Geldmaschine sind. Alle versuchen sie, sich so lange wie möglichst weit oben zu halten und abzukassieren. Denn alle wissen, dass sie irgendwann entlassen werden oder gesundheitlich abstürzen. Fast niemand schafft es heute bis zu Pensionierung, geschweige denn mit einer intakten Ehe und Familie. Alle kennen den Preis und alle schweigen sie über die grosse Lüge.

D) Führung & Wirken braucht (Frei-) Zeit

Leute die etwas bewirken brauchen Zeit für Regeneration und Müssiggang. Die guten Ideen kommen meistens nicht beim arbeiten. Führung ist Menschenarbeit – d.h. man braucht Gelassenheit, Abstand, Reflektion und Warmherzigkeit. Es geht in der Führung erster Linie um Gefühle (Mensch sein, den anderen Menschen wahrnehmen) und nicht um die Sache. Auch Ideen und Innovationen brauchen Abstand und Ruhe. Die Agenden der Topmanager sind über Wochen und Monate bis in die kleinste Ecke zugeplant. Fast keiner hat Freiräume und Zeit für sich – die Familie und die eigene Frau. Vielfach ist es nämlich die Frau zuhause die noch die letzte Reflektionsquelle ist. Frauen die Ihre Männer wieder aufpäppeln, die Feedback geben, die menschliche – gesellschaftliche und moralische Komponenten einfliessen lassen. Die Wertschätzung der eigenen Frau – und der Tatsache, dass die eigene Frau die Familie gross zieht und das ganze Umfeld in Takt hält – die fehlt über weite Strecken. …und so wird der nächste CV von einer Frau nach Mutterschaftspause und Teilzeitwunsch dann souverän gleich in der ersten Runde aussortiert. Werte und Leistungsethos sind der Grund, warum das mit der Vereinbarkeit nicht funktioniert.

Andy Keel

 

 

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